FESTE IN OSTBERLIN

So viele Treffpunkte gibt es nicht im anderen Deutschland. In den kleineren Städten ist es relativ klar: man läuft sich über den Weg, fast jeden Tag. Die Rituale liegen fest. Der Abend gehört den ein, zwei Kneipen, deren Gunst man sich noch nicht verscherzt hat. Jeder weiß alles vom Anderen. Das schließt Hilfe ein, aber auch Enge.
In Berlin ist das etwas anders. Die "Szene" ist nicht so leicht überschaubar, nicht so eindeutig gegliedert; der Zugang, ist man neu in der Stadt, eher schwierig. Einmal angenommen aber, sieht man sich mittags im Espresso "Unter den Linden" und am Abend bei "Fengler", im "Wiener Café", im "Mosaik" - so lange, bis unweigerlich wegen dringender Renovierung dicht gemacht wird in der Hoffnung, die Kreise mögen sich zersplittern. Jedenfalls gibt es nach wie vor und immer wieder einige nicht-private Umschlagplätze für Information und Herzeleid. Nicht selten auch den Überdruß angesichts tagtäglich gleicher Gesichter, ähnlicher Geschichten - oft unter dem Vorzeichen dargeboten, wer weiß die schlimmste und erzählt sie am amüsantesten. Sarkasmus statt Veränderung. Kollektive Ohnmacht, erträglich aufbereitet.
Unausbleiblich kommt die Frage nach dem Fest am Wochenende, der Insel in Langeweile und Alleinsein - von etlichen fast zwanghaft angesteuert. Also gibt es auch meist ein Fest. Und spätestens mit den Stones beginnt das Tanzen. Es ist einfacher als Reden. Trinken sowieso. Für kürzere oder längere Zeit fühlt man sich so wohl, so jung und auch den Anderen so nahe. Stichworte genügen, wenn man sich zehn Jahre lang kennt; das Bezugssystem ist klar. Eine sichere emotionale Basis, nichts Böses kann passieren in dieser Nacht.
Es gilt, sich zu wehren gegen das übermächtige, expandierende Grau jedes einzelnen Tages. So kommt ein "Neon-Fest", ein "Tropen-Fest" zustande. Ein Hauch von Exotik, ein Hauch von Dekadenz, doch am stärksten die Sehnsucht nach dem Aus-Flug. Nicht immer läßt sich die Ausgelassenheit gegen den Strich durchhalten. Private Probleme fallen über die einzelnen her und, mit wachsen-dem Alkoholkonsum, aus ihnen heraus. Vielleicht ist es auch dann immer noch besser, in einer feiernden Menge aufgehoben, getröstet zu sein als allein in den gefürchteten vier Wänden.
Nicht selten sind diese Feste auch die letzten Momente in einer Kette von Abschieden, weil mal wieder die Ausreise eines Freundes in den Westen ansteht.
Um Mitternacht, spätestens 1.30 Uhr, gibt es dann die durch nichts aufzuhaltende Zäsur : "West" verabschiedet sich und fährt gen Grenze. Bis zum nächsten Mal.... Mitunter bleibt nur die Hälfte zurück. Ernüchtert sind beide Teile. Danach beginnen ein weiteres überflüssiges Mal die Diskussionen um Gehen oder Bleiben. Es führt zu keinem Ende - natürlich nicht. Aber die Realität der schizophrenen Stadt ist wieder hereingebrochen, mitten in die Tropen.
1984


siehe auch Artwork