Stand der Dinge 1984

Während meines Studiums war ich erzogen worden mit den Regeln und Geboten des „sozialistischen Realismus“ - das heißt vor allem, Kunst hat dem Volke zu dienen und ihm verständlich zu sein. Sie hat ausschließlich Typisches und Vorwärtsweisendes im Sinne des Sozialismus zu propagieren. Minderheiten der Gesellschaft und Zweifler sind der künstlerischen Darstellung nicht würdig, sondern als Relikte der Vergangenheit mit Nichtachtung zu strafen. Primat hat in jedem Fall der Inhalt über die Form eines Werkes, das heißt, formale Experimente braucht nur die ausgeblutete westliche Kunst.

So war es also irgendwann mein ehrliches Ziel, als Fotojournalistin die Entwicklung der DDR zu dokumentieren und voranzutreiben. Mit der folgenden beruflichen Praxis als freelancer in Ostberlin und parallel zu anderen politischen Ereignissen änderte sich dieses Ideal natürlich schon bald. Die Grenzen der Kompromißbereitschaft waren schnell erreicht.

Ich fotografierte nicht für die Presse, sondern für Theater, Filmstudios, Bildhauer. Daneben die Arbeit im eigenen Auftrag - nicht verkäuflich, aber unabdingbar zur Bestätigung der Identität. Auch die Themen dieser freien Fotografie haben sich im Laufe von acht Jahren stark verändert. So versuchte ich am Anfang immer wieder, das alltägliche soziale Leben darzustellen, einen Gegenentwurf zu schaffen zur offiziellen Propaganda, eine andere Sicht zu etablieren. Mit der Zeit nahm aber die Kraft ab, das permanente Mißtrauen der Leute auf den Straßen zu überwinden, ständig von irgendwelchen „Aufsichtskräften“ reglementiert zu werden. Die allgemeine Depressivität der Lebensumstände übertrug sich so stark auf die eigene Situation, daß ich diese Art öffentlicher Fotografie einfach nicht mehr leisten konnte.

Danach entstanden Fotos ohne Menschen: die Serien „Abwesenheiten“, „Hinter Glas“ - Schauplätze, die Menschen erahnen lassen, sie aber nicht zeigen. Jetzt spielten auch formale Ansprüche eine immer größere Rolle. Gleichzeitig habe ich mir das Recht genommen, eine Gruppe in den Mittelpunkt meiner Arbeit zu rücken, die nicht typisch war im Sinne der Staatsdoktrin, die aber auch nicht außerhalb der Gesellschaft existierte. Es ging um Leute mit ähnlichen Biografien wie meiner eigenen: Ende der 60er Jahre begannen sie zu studieren, versuchten danach, mit ihren politischen Idealen in die bestehenden Strukturen einzusteigen, sie zu ändern im besten Sinne. Einige sind gleich gescheitert, andere bewegen sich von Kompromiß zu Kompromiß. Allen gemeinsam ist heute Resignation im Politischen, Rückzug im Privaten. Sehr viele von ihnen sind nach dem Westen gegangen, nicht immer mit dem erhofften Glück.
Die Dagebliebenen habe ich porträtiert, und ich habe ihre / unsere Feste fotografiert, um dieses kollektive Lebensgefühl eines bestimmten Teils einer bestimmten Generation der DDR-Gesellschaft zu vermitteln.
Die Monotonie des täglichen Lebens und die Tatsache, daß selbst Zufälle ziemlich ausgeschlossen sind, erzeugen ekstatisch anmutende Ausbrüche, die „Tropen“- oder „Neon- Fest“ genannt werden. Eine dauernde Balance zwischen Euphorie, Geborgenheit und Verzweiflung.
Zudem haben die Feste in Ostberlin noch eine exklusive Besonderheit: es kommen jedesmal die Freunde aus Westberlin. Und jedesmal wird die Schizophrenie dieses Landes deutlich, wenn gegen 1 Uhr die Verabschiedungen beginnen, weil der eine Teil zur Grenze muß. Inzwischen gehöre ich selbst dazu. Aber die Feste sind seltener geworden in den letzten beiden Jahren.
1984


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