Notizen zu DEUTSCHE TÄNZE
Ausstellung, Berlin 1999

Das Ausstellungsprojekt von Barbara Metselaar-Berthold und Thomas Leuner ist unter anderem durch Beobachtungen von Selbstdarstellungsformen der jungen Generation am Ende der 90er Jahre angeregt worden. Ausprägungen von Gruppenidentität vermitteln sich über gemeinsame politische Orientierungen, Vorstellungen über anzustrebende Formen des Zusammenlebens, die Vorliebe für bestimmte Entwicklungen der populären Musik, für Modestile, Sportarten und die dazugehörigen Inszenierungen und Rituale. Gerade am Ende dieses Jahrhunderts - es gibt die Techno-Kultur als Massenerscheinung bisher ungekannten Ausmaßes - stellt sich die Frage, ob die Gesellschaft keiner Utopien und alternativer Lebensformen, sprich sozialer Experimente mehr bedarf, oder ob es nur andere Formen sind, in denen diese sich entäußern.

Beide Künstler arbeiten mit dem Medium Fotografie und greifen für ihr aktuelles Ausstellungsprojekt auf Bildmaterialien zurück, die Anfang der 80er Jahre in jeweils getrennten Kontexten entstanden sind. Bedingt durch ihre Lebenssituation und auf der Grundlage unterschiedlich stark ausdifferenzierter Konzepte, setzten sich beide in dieser Zeit mit Formen der Alternativkultur als Ausdruck fundamentaler Sehnsüchte und existentieller Zwangslagen auseinander.
Barbara Metselaar-Berthold tat dies vor dem Hintergrund einer als ausweglos empfundenen politischen Situation während ihrer letzten Jahre in der DDR.... Entstanden sind Porträts von Freunden und Augenblicksaufnahmen von gemeinsamen Festen, die nicht selten Abschiedsfeiern waren und von daher ihre höchst zwiespältige Stimmung beziehen. Außerdem befaßte sie sich mit Szenen des Alltags in der DDR...
Thomas Leuner arbeitete von 1982-85 an einem systematisch angelegten, dreiteiligen Reportage-Zyklus mit dem Titel „Im Schatten des Adlers“. Leuner war zur Realisierung seines Vorhabens Mitglied einer Wohngemeinschaft im Berliner Bezirk Kreuzberg geworden und hatte, anders als Barbara Metselaar-Berthold, in einer freiwillig aufgesuchten Situation, aber ebenso wie sie aus dem Moment des authentischen Erlebens heraus, photographiert. Ihm ging es um einen Kommentar zu den Möglichkeiten alternativer Lebensgestaltung und individueller Sinnsuche, die nach dem Scheitern der sozialrevolutio-nären Ansätze der 68er noch verblieben waren...

Zwischen den Arbeiten der beiden Künstler gibt es Gemeinsamkeiten, die über das psychische Moment einer als negativ empfundenen Gesamtsituation der Gesellschaft diesseits und jenseits der Mauer weit hinausreichen. Beide Künstler haben ihre Arbeit - geplant oder nicht - als Interpretation ihres Alltagslebens realisiert ....Ihre visuellen Konzepte weisen, trotz unübersehbarer stilistischer und mentaler Unterschiede, ebenfalls bestimmte Näherungen auf. Leuner und Metselaar-Berthold haben sich auf die Ausdrucksmittel der klassischen Schwarz-Weiß-Photographie und auf die Wiedergabe momentaner Konstellationen konzentriert.

Neben der generellen Alltagsbezogenheit ihrer Vorgehensweise ist es die Auseinandersetzung mit Ausdrucksformen emotionaler Entgrenzung, ekstatischer Bewegung und enthemmter Körpersprache, die bei beiden Künstlern zu finden ist. Dies fordert zum vergleichenden Sehen der Arbeiten heraus: Gab es für vergleichbare Lebensansprüche vergleichbare Ausdrucksformen?...

Die Fragen, die sich aus einem Abstand von fast 15 Jahren mit Blick auf das erarbeitete Bildmaterial ergeben, sind andere als die damaligen. Für die Künstler stellt sich zunächst die Frage, welche der Photographien Bestand haben über die Interpretation einer vergangenen Situation hinaus. Bestimmte Bildgruppen sind in ihrer Zeitbezogenheit sogleich identifizierbar: Dies ist zumeist dann der Fall, wenn das erzählerische Moment das Bild dominiert...
Eine der Prädispositionen des Projekts ist es jedoch, dem Betrachter über die historische Verortung der in den Bildern sichtbaren Konstellationen und Szenen keine vordergründige Aufklärung anzubieten. Dies resultiert aus der Feststellung, daß zahlreiche Photographien diesbezüglich keineswegs eindeutige Signale vermitteln. Habitus, Gesten und Interieurs erscheinen heutig, gewissermaßen zeitlos. Die farbliche Abstraktheit der Schwarz-Weiß-Photographien unterstützt diesen Eindruck. Formen der Fragmentierung von Bildszenen durch Anschnitte und perspektivische Verunklärungen, die sowohl
Leuner als auch Metselaar-Berthold bereits Anfang der 80er Jahre entwickelt hatten, gehören zum Vokabular der zeitgenössischen künstlerischen Fotografie. Auch deshalb geht es nicht um das Dokumentieren einer historischen Situation, sondern um ein reflektierendes Umgehen mit dem vorhandenen Material. Das geschieht vor dem Hintergrund des aktuellen Phänomens massenhafter Reproduktion von alternativen Attitüden, unter Ausschluß aggressiver Elemente.


siehe auch Ausstellung


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