Eröffnungsrede zur Ausstellung FROZEN MARGARITAS
Galerie am Prater Berlin / 25. März 1999

1961 gab Parker Tayler „Classics of the foreign film“, ein Buch mit Standbildern, heraus. Ihm folgte eine ganze Reihe von Veröffentlichungen dieser Art. Tayler ergänzte die Abbildungen mit weitschweifigen Unterschriften. Mit ihnen gedachte er offenbar die Mißverständnisse zu mildern, die das Herauslösen eines Einzelbildes aus dem filmischen Zusammenhang nahezu unweigerlich mit sich bringt. Unter einem Bild aus dem Antonioni-Film „La notte“ steht geschrieben: Das Wiederzusammenkommen von Schriftsteller und Ehefrau (in der Dämmerung auf dem Anwesen des Industriellen) ergibt sich nicht so leicht, wie es der oben abgeleitete Einblick in die Schlußszene darzustellen scheint. und Es ist unwahrscheinlich, daß es jetzt noch ein einziges Foto von Rang gibt, das nicht in die immer fortlaufende Geschichte des Kinos eingegangen wäre...und zurückgeführt würde in die Bildergalaxien, welche sich in... (unseren) überbevölkerten Köpfen... befinden. Recycling an sich ist keine Schande; Fotografie selbst ist ein mechanischer Parasit im Reich des Realen. Nichtsdestotrotz ist das Filmbild eine schillernde Fiktion, während der fotografische Aufbau eine konstruierte Lüge ist. Das Filmbild ist ein Element eines abgeschlossenen Aktes, während das Foto keine solche Bestätigung mit sich bringt.
Ein Foto wird, wie ein Still, freigegeben für eine Unzahl von Spekulationen um ein Davor und ein Danach, ein Wie und Was und ein Wo, während die laufenden Bilder eines Films gerade aus der Offenlegung dieser Zusammenhänge ihre Reize beziehen.

Stills sind daher, anders noch als Fotografien, wie von überraschenden Spots angeblendete Szenen eines ansonsten im Dunkel bleibenden Geschehens: Immer gehören sie zu einer Geschichte. Nur zu welcher ?

Da ich den Film kenne, dem diese Bilder entstammen, weiß ich etwas mehr als Sie. Und ich fühle mich Ihnen gegenüber verführt zu der Rolle dieses weitschweifigen Bildunterschriftenschreibers, der dringend davor warnt anzunehmen, daß sich die Dinge so leicht ergeben, „...wie es die Bilder darzustellen scheinen“.
Aber eigentlich ist es die Fotografin selbst, die diese Rolle übernimmt. „Es ist da ein Mann, der weint und sagt: Du gibst mir mein Leben zurück, ich habe doch nur noch vegetiert“ und „Ein Glück, daß man nicht für immer lebt, nur noch 30 Jahre, was aber, so gesehen, ziemlich lange ist“, zitiert Barbara Metselaar-Berthold die Briefe ihrer Protagonistin, deren Namen sie verrät.
Aber was um alles in der Welt läßt mich glauben, daß Dagmar Demming etwas anderes ist als eine von einer Schauspielerin verkörperte Kino-Rolle ?
Hier wieder ist die Fotografie dem Film überlegen. Immer noch existiert da das Schlagwort des Authentischen. Und es waren amerikanische Fotografen wie Robert Frank oder Nan Goldin, die es zu bestätigen schienen. „Authentisch“ meint einen nahezu zwingenden, physisch-psychischen, am Werk erfahrbaren Zusammenhang zwischen diesem Werk und der jeweiligen Biografie. In einer Zeit, da von der Agonie des Realen geredet wird, da allen Ernstes behauptet wird, daß aufgrund der hochgradigen Medialisierung unseres Alltags die Erfahrung von Realität nicht mehr unvermittelt möglich sei, hat der Begriff des „Authen-tischen“ in der Werbung von Duftwässern, Automobilen etc., ja auch als umsatzförderndes Image der Goldin-Bücher eine unglaubliche Inflation durchzumachen.
„Anteilnahme“ muß da ein Fremdwort werden. Und daß deutsche Kampfflieger nicht weit von hier gerade Bomben auf Menschen fallen lassen, daß sich Deutschland zur Zeit im Krieg befindet, ist ein mediales, kein reales Ereignis - oder ?

Ich denke, Barbara Metselaar Berthold weiß um die Klippen, die sich einer Fotografin / Filmemacherin gerade dann stellen, wenn ihre Themen von sozialer Brisanz sind. In diesem Changieren zwischen Film und Foto umschifft sie sie mit bewundernswürdiger Souveränität.
´Wie soll man leben´zieht sich als Frage durch alle Arbeiten, die ich von ihr kenne. Und immer geht es darum, wie mit Grenzen umzugehen ist: mit den eigenen, mit denen der Anderen, mit denen, die die Gesellschaft errichtet.
„Seilfahrten - relativ extrem“ heißt ein Film, an dem sie wesentlich beteiligt war. In ihm ging es um die Möglichkeiten wechselseitiger Erfahrungen extrem entgegengesetzter Arbeitsumwelten und Arbeitsweisen: im Bergbau und auf der Alm.
Da dies in einer Art Versuchsanordnung als theoretisches Experiment von Dritten durchgeführt wurde, ist Metselaar hier Dokumentaristin des Scheiterns. Die ironische Distanz zu den lebensfremden Rhetorik-Utopisten ist deutlich spürbar.

Der Film, dem diese Bilder hier entstammen, ist eine ganz andere Geschichte. Und doch gibt es Zusammenhänge.
Es ist wieder die Frage danach, in welchen Kontexten Sozialität wie möglich ist. Und dieses Mal ist es der sogenannte kleine, da private Entwurf, dem Metselaar mit der Kamera folgt: nicht die Theorie, sondern die Praxis.
Es ist ein Film über die Möglichkeiten und Grenzen, die die Liebe bietet und setzt. Ein Film über Verantwortung. Ein Film über die Bedingungen von Selbstachtung und Selbstzerstörung, über Grenzen im Land der unbegrenzten Möglichkeiten. Aber auch, und ganz beiläufig, ein Film über alltäglichen Rassismus hierzulande.
Und doch hat dieser Film ein happy end, ist es eine Geschichte über den Glauben an die Möglichkeit von so etwas wie Glück, ein Film über das Festhalten an diesem Glauben.

Von der konkreten Geschichte allerdings will ich Ihnen nicht erzählen. Diese Bilder sind von einer Diskretion, die ich, da ich sie erst seit wenigen Tagen kenne, respektieren möchte. Entwerfen Sie sich Ihre eigene Geschichte.


siehe auch Ausstellung


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