Inka Schube


wie lange noch wird unsere abwesenheit geduldet
keiner bemerkt wie schwarz wir angefüllt sind
wie wir in uns selbst verkrochen sind
in unsere schwärze
aus: Wolfgang Hilbig, Abwesenheit
, 1969

Es fällt schwer, sich vorzustellen, wie jenes Land sich anfühlte, für diejenigen, die älter waren und denen man sich nahe fühlte. Dieses Land, das sich, so schlicht wie im Märchen, teilte in die, die dagegen waren oder dafür. Gut oder Böse. Verlässlich oder Denunziant. Scheinbar so einfach. Die vielen, die unendlich vielen Zwischentöne, sie kamen erst später, nach jener Nacht des kollektiven Rausches im November 1989, wirklich zum Tragen.
Ich kann nicht sagen, wie lange ich geblieben wäre - vielleicht bis ich gewusst hätte, wohin. Vielleicht, bis ich ein Kind geboren hätte, mir klar geworden wäre, dass ich das Lügen hätte lehren müssen.
Es fällt mir schwer, mir vorzustellen, wie sich dieses Land angefühlt hat - für diejenigen, die älter waren als ich. Ich schau auf Bilder. Ich schau’ auf Arno Fischer, Jahrgang 1927, auf das 1960 unter seiner Mitarbeit entstandene Buch „Kleopatra das kluge Kind“ (Text: Heinz Kahlow), schau’ auf seine frühen Berlin-Bilder und auf die Fotogravuren an den Stelen des Marx-Engels-Denkmals aus den späten 1970er/frühen 1980er Jahren (gemeinsam mit Peter Voigt): Das erste eine unterhaltsame, in rhetorischem Übermut taktierende Heimatkunde. Das zweite eine symbolgesättigte Auseinandersetzung mit der Nachkriegsgegenwart. Das Dritte eine Rechtfertigung der nominellen Herrschaft der Arbeiterklasse, sich ableitend aus ihrer Geschichte.
Ich schau auf Evelyn Richter, Jahrgang1930, auf ihren bildungsbürgerlich grundierten, solidarisch-analytischen Blick auf Systemstrukturen. Ein Blick, der den Umständen gerecht wird, weil sein ästhetisches Regelwerk die des Systems aufzuzeichnen vermag.
Ich schau auf Sibylle Bergemann, Jahrgang 1941, auf das - nach den ersten, mitunter betörend strengen Jahren - Arbeiten an hoch ästhetisierten, melancholisch gestimmten Gegenwelten.
Ich schau auf Helga Paris, Jahrgang 1938, und Bernd Heyden, Jahrgang 1940 (gestorben 1984). Vielleicht waren es unter anderem diese beiden, die, ohne sich mit Ideologie groß aufzuhalten, der im Kern der Utopie liegenden Idee von christlicher Urgemeinschaft am nächsten kamen.
Die frühen Bilder Barbara Bertholds, geboren sechs Jahre nach Ende des Krieges, sind sehr bald schon sehr anders. There is no hope. 1984 verließ sie das Land. Grau ist eine Farbe, über die viel zu sagen wäre. Es ist die Farbe der viel gestalten, nuancierten Differenz - und daher eigentlich viel schlauer als ich es damals war. Über die Veränderungen im Grau Barbara Bertholds schreibt Wolfgang Kil in diesem Band. Was mich an der neuen, so überraschenden Schaffensphase der Fotografin interessiert, ist, was mit dem Grau passiert, wenn es auf Bunt trifft.

Es ist ein großes Glück, dass ihr das Stipendium des Berliner Senats den Anlass gab, wieder Fotografin zu sein, mit der Kamera durch die Berliner Mitte zu wandern und nach eigenen Bildern zu suchen. Bertholds Blick wird abgefragt. Dieser Tatbestand ist, so banal das klingt, wichtig.
Also geht sie los, nach Jahren, Jahrzehnten wieder, verlässt die Nische individueller Betroffenheit und fotografiert systematisch. Und es geschieht etwas sehr Seltsames: Das Grau ihrer frühen Bilder, sehr persönlich gesetzte Metaphern für Distanz und Sehnsucht nach Anderem, fließt ein in neue Formen, in ein neues Zeichensystem. Wie grau doch dieses Bunt ist. Wie bunt die neuen alten Sehnsüchte, und wie 'kollektiv'. Wofür steht dieser 'Trabi' da, auf dem Dach? Als Werbezeichen für ein Sight-Seeing durch eine Stadt, die ihren Mythos daraus speist, dass sie einmal grau, ja schwarz, und noch früher mal ‚golden’ war? All diese mehrfach recycelten Versprechen, Logos, Werbebanner, Miniatur-Ausgaben von Behaustheit, wovon reden sie?
Barbara Berthold hat in den Jahren dazwischen – dieses Kapitel ihres Schaffens ist bisher völlig unterschätzt – für den Film gearbeitet und Filme produziert. Jeder dieser spröden Streifen könnte mit der Frage „Wie soll man leben?“ überschrieben sein. Gibt es ein richtiges Leben im falschen, gibt ein richtiges Leben, wenn es kein richtiges gibt, in dem es zu leben wäre?
Ein Anarchisten-A hat jemand an einen Träger gemalt, 1980 oder früher, auf dem U-Bahnhof Rosa-Luxemburg-Platz. 2010 findet Berthold dieses ‚A’ wieder: Als ein sich in einem Werbeschriftzug artikulierendes Spiel mit dem Bedürfnis nach „Sichererererheit“ auf einer der U-Bahn-Durchgänge am Alexanderplatz.
Nach wie vor handeln Bertholds Bilder von Sehnsucht. Doch ist sie nun kanalisiert in Konsum. Das Interessante an dieser Arbeit ist, dass die Fotografin das eine nicht gegen das andere aufwiegt. Das sie es, in der ihr eigenen Distanziertheit, wertfrei gegeneinander stellt. Vielleicht gibt es nur wenige fotografische Arbeiten, die die deutsche Geschichte der vergangenen Jahrzehnte als Wandel der Zeichen kollektiver Sehnsucht vergleichbar präzise ins Bild fassen. Wo 1978 ein Jugendlicher vor einem in Schwarz versinkenden Hausdurchgang mit einer Promenadenmischung spricht, versperrt heute ein Gitter den Zugang zu Privateigentum. Wo 1984 zwei recht biederlich wirkende Damen vor winterlich trocken gelegtem Womacka-Brunnen, im Volksmund DDR 'Nuttenbrosche' genannt, ihre Füße erholen, vergnügen sich heute Kaninchen in Miniaturhäusern unter Schöller-Sonnenschirmen.
Die Zeichen, hier so spröde, ganz ohne Interesse an ‚schönen Bildern“ vorgetragen, haben sich gewandelt. Liest man sie nach ähnlichem Code, sind sie den alten näher als es einem lieb sein dürfte.
Die alte Dame Sehnsucht ist nun gekleidet in ein Trash-Kostüm.
Das mit dem ‚wohin’, das ist wohl auch heute keine wesentlich einfachere Frage.
2010


siehe auch Buch


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