Wolfgang Kil
SCHWANKENDER GRUND

Ob im Süden oder Norden / nirgends bist du froh geworden.
Suche, Seele, suche!...
Ob im Osten oder Westen / wo man ist, ist´s nie am besten ....
Fluche, Seele, fluche!
Gerulf Pannach (1948-98)


Als Barbara Berthold 1971 nach Leipzig an die Hochschule für Grafik und Buchkunst wechselte, stand der dortigen Fotoklasse der Aufstieg unter die international relevanten Ausbildungsstätten noch bevor. Die prägenden Personen, denen jener erstaunliche Leipziger Erfolg zuzuschreiben ist, kamen erst spät: Evelyn Richter erhielt ihren Lehrauftrag 1980. Arno Fischer schaute als Gastdozent ab 1972 „gelegentlich vorbei“; eine feste Stelle bekam er erst 1983, die Professur noch später. Barbara Berthold gehörte also zu den letzten Jahrgängen des althergebrachten Schulbetriebs. Künstlerische Einflüsse? Sie kann sich allenfalls an handwerklich-technische Unterweisungen erinnern. Beklagen will sie sich deswegen nicht.
Wer sich nicht auf seine Lehrer oder andere direkte Vorbilder beruft, dem sollten die eigenen Arbeiten wohl besonders unverfälscht „aus der Seele sprechen“. Die Verlockung ist groß, aus der chronologischen Abfolge der verschiedenen Bilderpakete (sprich: Schaffensperioden) eine Vita der Befindlichkeiten zu rekonstruieren.

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Wurde in den ganz frühen, ganz nahen Bildern der Jenenser und Leipziger Studentenzeit noch ausgelassen das Jung- und Anderssein gefeiert, so mehrten sich mit der Diplomarbeit, einem im Stil jener Jahre „kritisch-realistischen“ Stadtporträt des Berliner Bezirks Prenzlauer Berg, allenthalben Zeichen der Melancholie. Das war Zeitgeist, damals, als so viele durch die nachkriegsgrauen Kieze stromerten, Uwe Steinberg, Christian Borchert. Und Bernd Heyden natürlich, der unübertreffliche Menschensammler zwischen Prenzlauer und Schönhauser Allee. Human interest: Immer neugierig, immer auf der Suche nach sinnfälligen Situationen, dem Absurden im Alltag, einem unverwandt direkten Blick. Wie Mitteilungen aus einer sehr fremden Vorzeit wirkt das inzwischen alles, die Frisuren, die Mäntel, die im Gegenlicht glänzenden Buckelpflaster, die Autos verloren zwischen porösen Fassaden. (Dem Paris von Robert Doisneau oder Edouard Boubat geht es heute nicht anders…)
Nach ihrer zielstrebig eingefädelten Ankunft im bereits dem eigenen Mythos entgegengammelnden Bezirk, nahm Barbara Berthold sich ihre Freunde vor. Mit der Kamera als Gleiche unter Gleichen, gelangen ihr Porträts von suggestiver Nachdenklichkeit. Erwachsen waren sie mittlerweile geworden, jene Jahrgänge, die Soziologen später als die „eigentliche DDR-Generation“ identifizieren sollten. Und kein Lächeln nirgends. Nicht ganz einfach, sich diese Gesichter zugleich als nimmermüde Szenehelden vorzustellen. Doch in den wilden Partynächten tobte das Delirium.
„Porträts“ und „Feste“ – erst recht im Rückblick gehören beide Foto-Serien zusammen, denn in der scheinbaren Gegensätzlichkeit steckt die Botschaft. Wer dabei gewesen ist, wird sich ähnlicher Stimmungskurven erinnern. Es lag nicht nur am eigenen Älterwerden, auch am Lauf der Weltgeschichte. Nach dem Ende des Prager Frühlings (1968) und definitiv nach der Biermann-Ausbürgerung (1976) war Schluss mit lustig. Die DDR-Gesellschaft verkrustete zusehends. Wie dieser Staat alles Gespür für Wirklichkeit, zugleich aber auch jeden Sinn für Utopie verlor, das konnte, ja musste selbst Gutwillige zur Verzweiflung bringen (und am Ende so unendlich viele in den Westen treiben).
Die schrundigen Fassaden, die ernsten Blicke, die zahllosen Variationen alltäglichen Irrsinns, auch die immer hilfloser wirkenden „kleinen Fluchten“ waren zu zentralen Topoi geworden, an denen künstlerisch ambitionierte Fotografie in der späten DDR sich abarbeitete. „Kritische Bilder“ zu finden und irgendwie an die Öffentlichkeit zu bringen, gehörte zum verbindlichen Ethos. Doch nur wenige haben so eindringlich nach den Spuren der individuellen Auseinandersetzung mit der Agonie des Systems gesucht wie Barbara Berthold. Allmählich, von Jahr zu Jahr, von Projekt zu Projekt, kam die Fotografin dabei der Gesellschaft abhanden. Irgendwann hatten die traditionellen Bildkonventionen ausgedient. Der Absprung war unvermeidlich.
Gleich eines der ersten Bilder, die den Auftakt für die Serie „Hinter Glas“ bildeten, war von irritierender, erschreckender Härte: Der betont grafische, beiseite kippende Telefonzellenblick auf eine Welt, die beim besten Willen nicht mehr ins Lot kommen wollte – das war nicht en passant beobachtet, nein, das war eine kategorische Ansage. Oder besser: Absage. Von nun an häuften sich Fensterblicke, vage Szenen hinter Windschutzscheiben, Spiegel-Bilder, Collagen aus Wirklichkeitsfetzen. Lauter Verweigerungen des traditionellen Raums als Bühne, Träume (Albträume?) nichteuklidischer Ordnungen.
Wäre jetzt nicht doch auf mögliche Vorbilder zu verweisen? Auf Lee Friedlander etwa, der damals gerade mit melancholischen Porträts wie mit ziemlich abstrusen Alltagsszenen Aufsehen erregte, vor allem jedoch immer wieder mit Wirklichkeiten „hinter Glas“? Einschlägige Publikationen aus dem Westen – Zeitschriften, auch die ab den Siebzigern immer prächtiger gedruckten Monografien der „neuen Amerikaner“ – machten unter den Künstlern des Prenzlauer Bergs ja fleißig die Runde. Auch in Bertholds Ladenwohnungen, erst in der Oderberger, dann in der Stahlheimer Straße, lagen oft welche in Griffweite.
Aber man soll die Bilder einfach ernst nehmen. Jenseits jeglicher maniera darf gelten, was zumindest die Einfühlung des Zeitgenossen aus ihnen entziffert: den Verlust des Bodens unter den Füßen. Wie in jenem Fensterstillleben ein kleiner halbrunder Spiegel das trübe Dasein eines Hinterhofs aus den Angeln hob, genau so war irgendwann alles entschieden. Auch sie würde gehen. Von da an bedeutete Fotografieren nur noch Einsammeln fortlaufender Notate für das Erinnerungsgepäck, und die Vernissage ihrer letzten Ausstellung geriet als Event so surreal, wie die Bilder, die dort an den Wänden hingen: Während im zahlreichen Publikum jeder wusste, dass es sich um eine Abschiedsausstellung handelte, durfte die bevorstehende Übersiedlung der Künstlerin in den Westen mit keinem Wort Erwähnung finden. Um dem Veranstalter keinen Anlass für eine vorzeitige Schließung zu bieten.
An einem Septembertag im Jahr 1984 war Hochzeit. Kees, Barbaras freundlicher Holländer, verlor sich wie alle in dem dann folgenden, manisch uferlosen Fest. Drei Monate später saß sie als Barbara Metselaar im Interzonenzug, der sie, unter strenger Umfahrung Westberlins, von Schönefeld über Marienborn/Helmstedt nach Bremen brachte. Der Spiegel war durchschritten.
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Wo landet eine, die abspringt ohne Ziel, ohne Sicherheiten, nur mit sich? Auch jetzt wieder lassen die Bilder sich wohl am allerbesten direkt entschlüsseln: Durch Westberlin, den vermeintlichen Sehnsuchtshafen, spuken Randalierer, in Kreuzberg brennen Autos und ein Supermarkt. Die erste Wanderung durch Paris führt unvermeidlich in die Albtraumschluchten von La Defense. Und auch der exzessive Körpereinsatz der katalanischen Theatertruppe La Fura dels Baus ist für mitteleuropäische Empfindsamkeiten nicht unbedingt gemacht.
Der Westen als Kulturschock. Was hatten Neuankömmlinge denn sonst erwartet? Und wie hätte, nach Grenzübertritt und allumfassender Orientierungsnot, ausgerechnet der (fotografische) Blick sich nicht ändern sollen? Der Griff zur Kamera wurde beiläufiger, die Orte wurden ruppiger und/oder banaler. Was erhalten blieb aus dem vorherigen Leben, war ein wacher Sinn für die Unwirklichkeiten, die ein Leben so immer wieder beschert. Es dürfte kein Zufall sein, dass ihre Bilderreihe „Ins Offene“ streckenweise an Josef Koudelka denken lässt: Dessen über Jahre entstandenes Reiseprojekt „Exil“ hat ein notwendig individuelles Schicksal in fotografische Bilder übersetzt und damit auch Unbetroffenen zugänglich gemacht. Existenzielles Fremdsein, eine Schlüsselerfahrung aller unfriedlichen Zeiten und Kontinente, hat er von seiner „unsichtbaren“ Seite her beschrieben: von innen heraus.
Nebenbei hat Koudelkas Selbstversuch ein altes Märchen entzaubert: Der Sprung durch den Spiegel, dieses uralte Freiheitsversprechen, hat einen nicht geringen Preis. Verunsichert bis ins Mark, muss „der Fremde“ die Kraft zu rationaler Welterklärung erst mühsam zurückgewinnen. Danach hatte der Emigrant aus Prag einen französischen Pass sowie festen Wohnsitz in Paris angenommen. Sein nächstes fotografisches Großprojekt waren Landschaftspanoramen.
Auch Barbara Metselaar Berthold verschickt, so der Anlass es erlaubt, inzwischen manchmal Ansichten von Wiesen und Feldern, verzaubert der jeweiligen Jahreszeit.
2010

siehe auch Buch


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