ALBATROS

S.4 Zitat:
.... Ihre ganze Einstellung unserem Staat gegenüber ist schlecht. Sie macht sich nicht einmal die Mühe, diese Tatsache zu verleugnen.
So ist es auch zu erklären, daß sie bei einer fotografisch umzusetzenden Arbeit, wie z.B. Thema Herbst, bewußt negative Erscheinungen in den Vordergrund rückt. Selbst wenn man in ihrer Arbeit nur nach Stimmungswerten sucht, bermerkt man ihre Vorliebe für eine graue, düstere Aussage. Sie ist nicht im geringsten daran interessiert, durch konstruktive Kritik eine Verbesserung negativer Zustände anzustreben. Sie möchte gern der „entstellten“ Wirklichkeit in Film, TV und Presse die „wahren“ Zustände in unserer Republik entgegensetzen...

Spitzelbericht aus der Hochschule für Grafik und Buchkunst Leipzig, 27.12.1971 über Barbara Berthold, 1. Studienjahr

S. 33
Die Notiz am Anfang des Buches ist, rein sachlich betrachtet, durchaus zutreffend. Der/die Genossin hat gut aufgepasst. So muss ich im Nachhinein froh sein, es an dieser Hochschule bis zum Diplom gebracht zu haben. Das liegt wohl an der allgemeinen Schlampigkeit, die damals dort vorherrschte.

Es wäre zu ergänzen, dass es durchaus Bestrebungen meinerseits gab, mich politisch zu engagieren, allerdings mehr im internationalistischen Rahmen. Der erste Versuch gelang: es gab 1972, nach dem Putsch in Chile, eine breite, nicht angeordnete und auch schlecht zu unterbindende Solidaritätsbewegung, die sich u.a. in einer Baumfäll-Aktion im Thüringer Wald und der Überweisung des Erlöses niederschlug. Meine fotografischen Vorhaben, die Revolution der Nelken in Portugal und den Euro-Kommunismus in Italien betreffend, schlugen hingegen mächtig fehl. Nichts da! Ich solle mich doch lieber um die ausgezeichneten Jugendkollektive in der Heimat kümmern.

Ich verdiente Geld mit FilmStills, Theaterfotos, Dokumentationen für Bildhauer und Maler. Daneben immer das so spielerische wie sture Aufzeichnen meiner Lebenswelt. Die Behauptung einer anderen Wahrheit, die auch eine Bestätigungsfunktion innerhalb unserer Beziehungsgeflechte hatte.

Nachdem der Frohsinn und die Renitenz der 70er Jahre dann mehr und mehr in Frust umschlugen, meine Welt-Sehnsucht immer größer wurde und die Mehrzahl meiner Freunde das Land DDR verließen, trat auch ich 1984 den Weg ins Neuland an. Und obwohl sich das nur um Bremen und kurz darauf Westberlin handelte, war es nicht nur neu, sondern auch absolut fremd.

Die bewährten Netzwerke waren verschollen. Statt eines einzigen Bezugssystems - für oder gegen die Diktatur der versteinerten Herren – gab es plötzlich unendlich viele. Es galt ein unbekannter Code. Die Welt war groß und offen, doch extrem unübersichtlich. Die Leute wechselten ihre Identitäten bzw. ihre „Trips“, sodass manche der alten West-Freunde nach einigen Jahren nicht wiederzuerkennen waren. Das starre Gefüge von richtig und falsch, das wir – auch in Opposition zum System - mit uns herumschleppten, taugte nicht für diese Dynamik.

Nach dem ersten Schock über die inflationäre Bilderwelt, in die ich gestürzt war, begann ich in Westberlin, und auf Reisen sowieso, zu fotografieren. Das hatte lange Zeit den Charakter von Bildnotizen für meine im Osten gebliebenen Freunde. Die neue Gesellschaft fragte nicht nach mir, und die Techniken des Auf-sich-aufmerksam-Machens hatte ich nicht gelernt.

Aber ich hatte begriffen, dass man die Fragmentierung, die Ambivalenz, die Simultanität und die Paradoxien aushalten musste, wenn man hier leben wollte. Dazu kam ein diffuses Gefühl der Bedrohung, deren Ursache selten klar auszumachen war. Ich war noch nicht darin geübt, Informationen (z.B. aus der Bild-Zeitung) einfach abzublocken.
Große Sympathien hegte ich damals für die sogenannten „Spontis“, eine der vielen 68er Fraktionen, deren politische Maxime es war, die deutschen Verkrustungen mit gnadenlosem Unernst und Unberechenbarkeit zu unterlaufen. Spaß als subversive Technik.

Fotografisch erzwang das alles eine neue Sprache, und ich war beim Suchen mit einer ganzen Anzahl von Experimenten beschäftigt.

Ende der 80er Jahre fing ich an, Videos und Dokumentarfilme zu machen. Das setzt eine ganz andere Art der Wahrnehmung (Moment kontra Bewegung) voraus, die es quasi ausschließt, beides gleichzeitig zu tun. So endete vorerst meine symbiotische Beziehung zur Foto-Kamera. Ich trug sie nicht mehr ständig bei mir.

Wenn ich nun sporadisch fotografierte, war da immer das Gefühl, mit einem Einzelbild nicht dem Thema, dem Gefühl, dem Geschehen zu genügen. Um der Kompliziertheit unserer Realität besser Rechnung zu tragen, setze ich Fotos in Beziehung – auch in Installationen und intermedialen Projekten.
2010

siehe auch Buch


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