LOSE ENDEN Altlangsow 2018

Rede zur Ausstellungseröffnung Barbara Metselaar Berthold:
Lose Enden, Schul- und Bethaus Altlangsow, 25.08.2018

In ihrer Ausstellung „Lose Enden“ zeigt die Künstlerin Barbara Metselaar Berthold eine Auswahl fotografischer Bilder der letzten Jahre sowie ein paar wenige frühe Werke.
Mir fiel auf, dass es zwei Kategorien von Bildern gibt.
Die eine, die ich mit „Stillleben“ bezeichnen möchte und die andere, in der sich „Porträts“ sammeln.
Beides verbindet sich zu einer Stimmung, die aus der Zeit gefallen scheint.

Lautverloren finden in den „Stillleben“ Elemente zueinander, Körper, Natur, Kulturelles, die auf eine Verbindung nicht gewartet haben, die in völlig verschiedene Sphären existierten, aber von der Künstlerin spielerisch zufällig miteinander verknüpft wurden, als ob sie darauf gewartet hätten – und siehe: es ist sehr gut so.
Das neue bildliche Ereignis lässt das Warten seiner Teil-Motive auf Erkanntwerden verlöschen und sichert ihnen ein Fortleben in einer neuen, schlüssigen Form.
Barbara Metselaar Berthold verknüpft dabei die „losen Enden“ nicht kausal. Sie beginnt keine Storys zu erzählen. Einzelbilder und Bildpaare bilden einen Vorrat, der in enggespannter Klarheit etwas Neues, etwas Drittes erzählt, das Ferne und Distanz schafft zu dem Ursprünglichen, aber doch dessen Struktur aufnimmt, um sie dem neuen Bildapparat als Skelett einzupflanzen.
Es ist eine poetische Reise durch Zeit und Raum, auf der die Künstlerin nicht in der Rolle der Bilderjägerin agiert, nein, vielmehr haben die Bilder sie gefunden – und nun erreichen Sie uns, trefflich verdichtet.

Man mag sie gerundet nennen, wohltemperiert in ihrer Farbigkeit.
Obwohl sie gerade das nicht sind, den sie sind Resultate der Beiläufigkeit.
So wirken eben nur geglückte Kompositionen und stringente Textur.
Fast so, als wären sie auf eine spirituelle Art und Weise erschienen.

Wer genau hinschaut, kann vielleicht mit archäologischem Spürsinn noch herausfinden, aus welchen Lokalitäten die Bildimpulse funken.
Barbara Metselaar Berthold hat z.B. in Madeira, Neukölln, im Burgenland, in Portugal, auf Schloss Rheinsberg und im Naumburger Dom fotografiert.
Aber was wir zu sehen bekommen, ist eine Unterbrechung des Dokumentarischen, ein Abstandnehmen vom raumtragenden Ausgangspunkt und eine Neuorientierung des Bildflusses und des Zeitflusses.

Diese Bilder sind wie ein Erinnern, Atemholen, Neuansetzen, Kombinieren, Ferne schaffen. Eine derartige Suche teilt sich dem Publikum unmittelbar mit.
Lautlos im Raum schwingen Licht und Schatten und die Ornamente unseres kulturell gefalteten Seins in einer neuen, einer melancholischen Ordnung der Dinge.
Nichts hat Bestand. Alles zieht dahin. „Denn alles Fleisch ist wie Gras und alle Herrlichkeit des Menschen wie des Grases Blumen. Das Gras ist verdorret und die Blume abgefallen.“ wird in Johannes Brahms „Requiem“ gesungen.

Jeder Fotografie ist eine Vergänglichkeitsmetapher eingeschrieben, trotz ihrer stetigen rezeptiven Veränderung.
Auch die schnelllebige Digitalfotografie des 21. Jahrhunderts, die den Reproduktionscharakter auf ein Neues schier in die Unendlichkeit verlängert, bestätigt die Gedanken Roland Barthes’.
Man kann heute das Leben schneller den je einfangen, aber genauso schnell kann man es per Klick auch wieder löschen.
Gleichzeitig bieten die digitalen Speicher ganz neue Möglichkeiten, den Augenblick tatsächlich für die Ewigkeit festzuhalten.
Aber egal ob digitale oder analoge Fotografie – inhärent ist ihr das Memento mori.

Als Counterposition dazu stehen die Porträts, entstanden in einem Heim der Psychiatrie in der Nähe von Rudolstadt.
Einerseits stellt sich zu den „Stillleben“ ein Kontrast her durch das Schwarz/Weiss der Porträts. Das ist nackte, unbearbeitete Wirklichkeit. Faszinierend, wie die Gesichtszüge streng und charakteristisch gefasst werden. Klar, bis auf den Seelengrund. Mit Lichtpunkten wie Sternschnuppen, die vom inneren Himmelszelt fallen.
Andererseits gibt es die prononcierte Vertikalität der Bildfahnen, die sich konträr zu den „Stillleben“ verhält.
All das unterstreicht das Direkte und Authentische.
Kein Raunen. Keine Phantasiegebilde.
Das sind keine Porträts des „eingesperrten Wahnsinns“. Diese Menschen machen uns nichts vor.
Wir vermögen hoffentlich zu erkennen: „Die Krankheit ist die psychologische Wahrheit der Gesundheit, insoweit sie ihr menschlicher Widerspruch ist.“, wie Michel Foucault schreibt.
Ich finde bemerkenswert, wie dicht sich hier in der Ausstellung Schicht für Schicht das Leben stapelt. In der Schönheit des Augenblicks und der Erfahrung seiner Endlichkeit.
Wie Barbara Metselaar Berthold schaut, wie sie sinniert und Assoziationen stimuliert, das ist gegründet auf freiheitsliebender, träumerischer, aber zugleich klar gesehener Welterfahrung.


Ich mag diese Momentaufnahmen, für die zu lesen man ein wenig Übung braucht.
Die Übung, die Welt auf eigenartige und kaleidoskopische Gefühlsausdrücke zu komprimieren.



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