Land/Läufig


ERÖFFNUNGSREDE zur Ausstellung von Barbara Metselaar Berthold
Kurt-Tucholsky-Museum, Schloss Rheinsberg, 11. März 2017


BMB ´s Bilder, die hier in der Ausstellung gezeigt werden, überspannen einen Zeitraum von fast 40 Jahren. Naturgemäß ändert sich in 40 Jahren einiges. Und in den letzten 40 Jahren ist vieles anders geworden. Im Großen wie im Kleinen.
Der Untergang der DDR, das vermeintliche Ende der Geschichte durch die Alternativlosigkeit der Marktwirtschaft und der Siegeszug der Globalisierung.
Neues hat Kontur gewonnen. Zum Beispiel die friedliche Koexistenz von Gesinnungsethik und Geschäftstüchtigkeit, wie sie insbesondere im Milieu der transnational agierenden Medien-schaffenden des Prenzlauer Bergs praktiziert wird.
Dazu kommen die Signaturen eines wachsenden Fanatismus in Deutschland in die Radikalisierungs-Tendenzen in unserer Gesellschaft. Die Fremdenhasser werden laut, so wie auch ihr Counterpart, die selbstgerechten Hypermoralischen, die den öffentlichen Diskurs mit politischem Kitsch zumüllen.

Aber eine Veränderung ist für mich von besonderer Bedeutung - die Veränderung der Bildsprache und der Bildmächtigkeit. Es geht um die Flut der Bilder, und um die Wucht, mit der sie die Lebenswelt kolonialisiert. Dazu ein paar Zahlen: Gegenwärtig gibt es in Deutschland etwa 50 Mio Smartphones. Und weiter: Im Jahr 2016 schauten die Deutschen pro Tag im Durchschnitt zirka 220 Min Fernsehen und waren 128 Minuten im Internet. Weltweit wurden 2016 pro Tag mittels Instagram 95 Mio. Bilder hochgeladen. Bei Facebook waren es noch einmal 60 Mio. Bilder pro Tag.

Das ist eine ungeheure Bilderflut-Katastrophe, die unsere Wahrnehmung verändert.
Es kommt zur Agonie des Realen. Der digitale Trash gerät zum herrschenden Realitäts- Modus. Anders formuliert: Die lila Milka Kuh ist nun die prototypische Kuh.
Die Wucht der stereotypen Bilderschwemme macht blind für das Einzigartige. Die schiere Masse an Trivialität begräbt es unter sich. Verkitschung breitet sich aus.
Das Wort verliert an Stellenwert. Und damit wird das Denken faul. Empathie-Bereitschaft und - Fähigkeit nehmen ab. Schließlich bewirkt die Bilderflut eine kollektive Amnesie. Nicht nur die Gegenwart, auch die Vergangenheit verschwindet hinter den Masken der Stereotype.

Zurück zu Barbara Metselaar Berthold und ihren Bildern. Sie sind, so denke ich, Arzneien gegen Realitätsverlust, faules Denken, Blindheit und kollektive Amnesie.
Ihre Bilder sind Gegenmittel gegen Gesinnungs-Ästhetik, gegen moralische und politische Verkitschung. Genau hier verorte ich die Potenziale dieser Fotografien: Bilder gegen die Kolonialisierung der Lebenswelt.

Um das etwas genauer zu vermitteln, benötige ich drei Begriffe. Es geht um dichte Beschreibung, um ökologische Validität und den Begriff der Resonanz.

Zuerst zur dichten Beschreibung. Dichte Beschreibungen sind Mikroskopien sozialer Wirklichkeit. Sie machen am Einzelnen das Ganze sichtbar. Sie sind Tiefensondierungen. Das heißt Aufmerksamkeit für Details, Fähigkeit zur Differenzierung und genaues Hinsehen. Nur so kann man verstehen.

BMB bietet uns dichte Beschreibungen von Deutschland, wie es war, bevor es das Land wurde, wo "die wohnen, die schon länger hier sind" (Zitat Angela Merkel).
Ihre Bilder sind präzise, auf das Detail fokussiert und ausgelotet. BMB zeigt uns Menschen in ihrem Schicksal. Sie verweigert sich romantischer Wunschoptik und einem Gefälligkeits-Wischiwaschi in Bildgestalt.

Ein Schlüsselbild hängt im ersten Raum als Solitär. Es ist das Bild vom Vaterland, das auf den Kopf gestellt ist. Nun ist Vaterland weder das väterliche Land, noch ist es Mutterland, und es ist vor allem auch nicht Heimat. Es ist der Ort, in den man durch Geburt hineingestellt ist. BMB ist es eigen, dass sie besondere Momente des Daseins - in einem auf den Kopf gestellten Vaterland - dem Vergessen entreißt. Diese Momente hat sie in Ost und West, vor allem aber in Ost- und Westberlin gefunden, und sie findet sie auch in der Welt von heute. Es sind Augenblicke, die, reiht man sie auf, als visuelle Erzählung Einblicke in die Weltbezüge einer Generation geben. Die Bilder differenzieren das Vertraute und erhellen das Unvertraute. Sie besitzen ein hohes Anregungspotenzial, zuweilen überraschen sie.

Aus der Biografie-Forschung wissen wir, dass vor allem die Transitions-Phasen von Bedeutung sind, wo wir von einem Zustand in einen anderen wechseln. Es geht um die Critical Incidents. Um Umbrüche. Dichte Beschreibung von Transitionen im kopfstehenden Vaterland, das ist es, was uns BMB in ergiebigen Facetten bietet.
Von hier nach dort. Oder: Suche, Seele suche - wie es bei ihr, nach Gerulf Pannachs Liedtext, heißt.

Es sind die Feste-Bilder sowie die Abschieds-Bilder, die mir hier vor allem auffallen. Dass die Ausreise aus der DDR eben auch ein Passionsweg war, wird augenscheinlich.
Auch die Fotos des damaligen Sanatoriums Rheinsberg vermitteln dichte Beschreibungen. Die Enteignung der Enteigner, so wird sichtbar, begünstigt den ästhetischen Rückbau. Und so makaber, wie es ist - die Restitution der alten Verhältnisse bahnt den Weg zurück zu exklusiver Schönheit.

Ich habe den Eindruck, dass trotz aller Transition, trotz aller Veränderung in den zurück-liegenden 40 Jahren das Bildmaterial von BMB eine eigentümliche Konstanz aufweist. Hinter aller Veränderung wird ein Muster sichtbar.
Verschiedene Oberflächen-Strukturen verweisen auf eine identische Tiefen-Struktur. Ost ist West und West wird Ost.

Validität bezieht sich auf Untersuchungs-Verfahren und gibt an, ob man den mit diesen Verfahren erzeugten Daten auch vertrauen kann. Es geht also um die Gültigkeit von Befunden. Ökologische Validität ist dabei die Frage nach der Lebensnähe von Befunden. Oder, um ein anderes schwergewichtiges Konzept in das Spiel zu bringen: Es geht um die Repräsentativität der Einsichten für das reale Leben. Ähnliches lässt sich für fotografische Beschreibungen fragen. Sind die Augenblicke, die BMB dem Vergessen entrissen hat, Bilder, die uns eine gesellschaftliche Befindlichkeit oder den Geist einer Zeit verständlich machen? Stehen sie für das Ganze?

Sicherlich können Fotografien nicht im statistischen Sinne repräsentativ sein. Das ist auch nicht deren Zweck. Statistische Repräsentativität, die Aussagen ermöglicht wie „Jeder dritte Deutsche bügelt seine Unterwäsche“ ist nicht die Sache von Fotografie.
Hier geht es um die Aussagekraft des Einzelfalls, um seine typologische Validität. Um Wahrhaftigkeit. Das aber erreicht BMB. Ihre Fest-Bilder, aber auch die, die sie selbst einmal Hass-Bilder genannt hat (Schöne Heimat DDR), zeigen das auf beeindruckende Weise. Ich meine, man muss die einen sehen, um die anderen zu verstehen.
Die einen - die Festbilder - demonstrieren, dass es auch im falschen Leben zumindest noch wahre Momente geben kann. Eben die Feste. Und die Hassbilder zeigen, wie ein System Menschen zurichten konnte. Wohlgemerkt, der Hass richtet sich nicht gegen Menschen, sondern gegen die Verhältnisse, die sie so haben werden lassen.

Und hier will ich den letzten angekündigten Begriff einführen. Es geht um die Resonanz. Für die Soziologie hat Hartmut Rosa, der in Jena lehrt, den Resonanzbegriff fruchtbar gemacht. Er fokussiert dabei auf die Qualität des In-der-Welt-Seins des Menschen.

Es geht um einen Dreiklang, um Selbst-, um Ding- und um Sozialbezüge, einfach gesagt um Empathie, die das Selbst zum Schwingen bringt. Ziel ist ein Zustand, des In-Einklang-Seins mit sich und der Welt. Im US-Englischen sagt man dazu auch Flow.
Die soziologische Resonanz-Perspektive bietet interessante Echoräume für Fotografie und Soziologie. Sie lässt sehen, was man sonst leicht übersieht. Die Kernbotschaft der Fotos von BMB springt förmlich ins Auge.

Bei den Fotografien zur Protokollstrecke, zur Schönen Heimat DDR, sowie zu Berlin thematisiert BMB pathologische Weltverhältnisse. Mit anderen Worten, es geht um Resonanzlosigkeit, um das Verstummen der Welt oder, wie es Hannah Arendt genannt hat, um Bilder der Wüste. Und hier findet BMB mit Milan Kundera zusammen. Der Rekurs auf Milan Kundera - bitte erinnern Sie sich an dessen berühmten Roman über die unerträgliche Leichtigkeit des Seins - lässt erkennen, warum die resonanz-stummen Bilder von BMB in der DDR subversiv waren.
Eine Welt, die sich selbst für die beste aller Welten hält, kann zwar Scheiße auf der Straße tolerieren, nicht aber ein Bild davon. Denn sie duldet keine mediale Richtigstellung der vorgegaukelten Prunkwelt.

Andere Bilder wiederum verdeutlichen starke Resonanzerfahrungen und -achsen. Dazu braucht BMB zuweilen nicht mehr als den Blick auf ein Gesicht.
Es ist verblüffend, was diesbezüglich die Zusammenstellung ihrer hier gezeigten Porträts bietet. Nehmen Sie sich bitte Zeit, um das zu studieren. Es geht um einen Habitus, der rar geworden ist. Einen Habitus, der noch nicht vom gesenkten Blick auf das Smartphone geprägt ist.

Ich komme zum Schluss. In Abwandlung eines Goethe-Zitats lässt sich sagen, wer gut fotografiert, ist mit den Vorstellungen seiner Zeit nicht eins. So ist es bei BMB. Sie hat einen Hang zur radikalen Authentizität. Und der ist bitter nötig. Insbesondere heute.

Zur Begründung möchte ich an einen Gedanken von Hannah Arendt anschließen. Sie befürchtete, dass jede, wirklich jede Weltanschauung und Ideologie durch eine totalitäre Bewegung übernommen werden kann. Das gilt auch für das heutige Deutschland. Anzeichen finden sich auch dort, wo sie kaum vermutet werden.
Die, die das Vorsorgeprinzip und Sprechregeln gegen die freie Meinungsäußerung in Stellung bringen, gefährden die Liberalität. Und die, die ihre Ansichten für alternativlos halten, sind sowieso in das autoritäre Lager übergelaufen.

Liebe Barbara, ich hoffe, dass ich Dich motivieren kann, die heutige bundesrepublikanische Gesellschaft, die mehr unter der Verkennung von Wirklichkeit leidet, als ihr selbst bewusst ist und uns lieb ist, so mit deinen Mitteln zu dekonstruieren, wie Du das mit Deinen hier gezeigten Bilder für das DDR- Deutschland geleistet hast.





< nach oben