Schriftbahn in der Ausstellung
FILETSTÜCKE
Vexierbilder Berlin Mitte
Ephraim-Palais Berlin 28.10.2010 bis 27.3.2011

Vor allem die Städte haben eine Persönlichkeit, einen eigenen Geist, einen fest ausgeprägten Charakter. Jede Stadt ist ein Seelenzustand, und kaum hat man sie betreten,
so teilt sich dieser Zustand mit und geht in uns über; er ist wie ein Fluidum, das sich einimpft und das man mit der Luft in sich einsaugt.
Georges Rodenbach in „Das tote Brügge“


Das Bild von Berlin als Trümmerwüste hat sich im kollektiven Gedächtnis der Deutschen eingebrannt. Bevor der Wiederaufbau beginnen konnte, wurde Berlin durch die Sektoren-Teilung zur Frontstadt. West-Berlin konzentrierte sich auf sein angestammtes Zentrum um den Kurfürstendamm.
Für meine, in der DDR aufgewachsene Generation wurde die Mauer zum Trauma. Die Lebensentscheidung hieß, in diesem trostlosen System zu bleiben oder zu gehen.
Die Mitte Berlins habe ich in den 80er Jahren von beiden Seiten erlebt.
Ich wohnte von 1976 bis 1984 im Prenzlauer Berg und am Anfang sogar in der Oderberger Straße, hundert Meter von der Grenze entfernt. Trotzdem riskierte es kaum jemand, und ich auch nicht, die Mauer ganz direkt aus der Nähe zu fotografieren, weil damit Ausweiskontrolle und Filmabgabe nebst anderen Schwierigkeiten vorprogrammiert waren. In den anschließenden Quartieren war ich dagegen oft mit der Kamera unterwegs, zwischen den maroden, bröselnden Häusern mit den Einschusslöchern, den als Kriegsfolge immer wieder auftauchenden Baulücken. Dort, wo die Zeit still zu stehen schien.
Eine präzise Vorstellung von der Monströsität der Mauer als Wunde der Stadt und von dem wüstenähnlichen Niemandsland im Westen erhielt ich erst, als ich mich von der anderen Seite nähern konnte.
Zwei simultane Lebenswelten in unmittelbarer Nachbarschaft.
Östlich die Kleine-Leute-Gegend um den Hackeschen Markt, das Scheunen-Viertel, viele randständige Existenzen, westlich die temporäre Nutzung der Ödnis als anarchische, autonome Experimentierfelder oder auch nur als skurriler Platz für Picknicks und Parties auf der Langgras-Wiese, mit Blick auf die Mauer. Ein Platz für Aussteiger aller Art.
Einen gewissen, anspruchsloseren Freiraum gab es auch auf östlicher Seite. Die meisten Bewohner der alten Mitte in Ost-Berlin hatten wenig Angst vor staatlichen Sanktionen, da es für sie keine Karrieren zu verlieren gab. Hier wie da ergaben sich fast dörflich anmutende Strukturen – freilich mit sehr unterschiedlichen Akteuren. Verlangsamung der Zeit, Abwesenheit materieller Triebkräfte.
Nach dem Mauerfall hielt das Geld Einzug. In einem beispiellosen Umbruch wurde nach und nach die gesamte Stadtmitte rekonstruiert. Die Bevölkerung auf der östlichen Seite wurde ausgetauscht, in den luxus-sanierten Häusern wohnen nun finanzkräftige, meist jüngere und zugezogene Menschen.
Die Bebauung des Potsdamer Platzes sollte der Stadt das ersehnte Metropolen-Flair bringen. Ein architektonisches Ensemble wurde aus dem Boden gestampft, das keine Zeit zum Wachsen hatte. Die Regierung mit all ihren Folge-Erscheinungen hielt Einzug in großflächige Gebäude. Der öffentliche Raum wird zunehmend geordnet. Die Mitte verliert das Raue, Ungezähmte. Alle Lebensbereiche werden nun auf kommerzielle Verwertbarkeit abgeklopft, das lässt die Erinnerung an früher kaum noch glaubhaft scheinen.
Das lebendige, kreative Potential zieht sich in andere kiezartige Stadtteile zurück, wo Identifikation noch möglich ist. In diesem Sinne ist Berlin für junge Menschen aus allen erdenklichen Ländern hoch attraktiv geworden, weil sich hier immer wieder neue, abenteuerliche Freiräume für Kunst im weitesten Sinne finden lassen.

Der subjektive Blick der Passantin bleibt in den Ansichten der Gegenwart erhalten. Wir streifen das urbane Leben, die Personen, die jetzt in diesem Umfeld agieren oder zu Hause sind. Der Mensch baut die Kulissen für die Geschichte und kann doch nicht verordnen, was dann darin geschieht. Wo fühlen sich die Bewohner wohl - in der Monumentalität? Oder in der Überschaubarkeit? Wohin gehen sie, abgesehen von ihren Arbeits-Zusammenhängen? Bilden sich wieder kleine Inseln der "Dörflichkeit", der Vertrautheit heraus, oder ist gerade die Anonymität das Attraktive?

Auffällig ist heute, dass die für Berlin typischen gestaffelten Straßenbilder, die durch Kriegsschäden entstanden waren, zunehmend verschwinden. Wir blicken auf glatte, durchgehende Fassaden, die nicht mehr verraten, welche Gebäude hinter ihnen liegen. Speziell in den Innenstadtbereichen finden wir eine genormte Art von Gitterzäunen, die zwar den Blick frei lassen, aber doch den öffentlichen Raum begrenzen und regulieren.
Eine besondere Rolle spielt die Volksbelustigung, Event genannt. Dem wird das Stadtbild jeweils angepasst, das ganze Jahr soll Rummel herrschen. Wo früher das unerträgliche Grau alles verschluckte, werden die Menschen heute von knalligen Farben attackiert. Die historische Bausubstanz verschwindet hinter Mega-Postern. Geschichte wird zur Werbefläche. In jüngster Zeit war zum Beispiel der gesamte Bahnhof Alexanderplatz – alle Säulen, alle Wände, alle Treppenstufen, der Fußboden – in aggressiver Manier mit „Paypal“- Reklame überzogen.
Man könnte auch sagen, die maroden Ansichten von früher waren insofern wahrhaftig, als sie der Realität entsprachen. Jetzt herrscht das Bemühen vor, den Schein als das Reale zu etikettieren; es wird überspielt, versteckt, kaschiert.

Berlin, September 2010


siehe auch Ausstellung und Artwork


< nach oben