Epilog: Scheunenviertel, Ostberlin 1977


FILETSTÜCKE - Vexierbilder Berlin Mitte
Stiftung Stadtmuseum | Ephraim-Palais Berlin Oktober 2010 bis März 2011
48 Bildpaare, 1 Dreier-Tableau, Videopräsentation DAS HAUS


Barbara Metselaar Berthold hat sich vor Jahrzehnten in der Mitte Berlins umgeschaut und tut es heute wieder. Damals fotografierte sie in Schwarz-Weiß, heute in Farbe. Es entstehen Bildpaare: Alexanderplatz 1983 – Reichstagsviertel 2010. Fotokabine 1980 – Raucher-Kabine 2010. Bergstraße 1983 – Holocaust Memorial 2010. Selten sind es exakt dieselben Orte oder tatsächlich vergleichbare Situationen, die über den zeitlichen Sprung hinweg nebeneinander gestellt werden. Die markanten Punkte der Stadt, wiedererkennbare Gebäude, tauchen eher beiläufig auf.
In diesem heute auf den ersten Blick ganz und gar durchkontrollierten und -kommerzialisierten Areal sucht Metselaar Berthold nach Spuren jener mehr oder weniger selbstbestimmten Lebensentwürfe, die hier, in den Nischen und Randzonen zu beiden Seiten der Systemgrenze, vor Jahrzehnten ihre Refugien hatten.
Melancholie lässt sich dabei nicht vermeiden. Doch Metselaar Berthold bringt sie in Bewegung, indem sie die Aufnahmen aus jenen Jahren mit der Zeichenwelt der Gegenwart konfrontiert. Erwuchs jene Melancholie aus der Sehnsucht nach etwas, das konkret zu benennen kaum möglich gewesen war und das sich niederschlug in den Freiflächen der Brachen, den unverputzten Mauern, den Körperhaltungen und Gesten, so ist sie nun auf neue Weise verdinglicht. Sie wird Materie, wird zur Giraffen-Attrappe, zur schäbig rotweiß gestreiften Markise oder zum ‚Safari-Trabi’ auf dem Dach eines Kiosks: Die alte Dame Sehnsucht ist gekleidet in ein Trash-Kostüm. Und das Anarcho-A auf dem Bahnsteig Rosa-Luxemburg-Platz von einst wird zur Frage nach der ‚Sichererererheit’ heute.
Inka Schube 2010


siehe auch unter artwork und Texte zur Fotografie








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