Großprojektion der Serie SCHÖNE HEIMAT DDR


DEUTSCHE TÄNZE | Szenen aus Berlin Ost und West, 1980-85
zusammen mit Thomas Leuner
Museum für zeitgenössische Kunst Cottbus und Kunstamt Schöneberg / Haus am Kleistpark 1999

zum OSTFLÜGEL der Ausstellung: Anfang der achtziger Jahre war Deutschland in mehr als nur politischer Hinsicht ein geteiltes Land. Vierzig Jahre lang waren hier die Gegensätze der beiden Weltlager auf ihren Propagandawert getestet und die zwei Länder zu entsprechenden Bollwerken ausgebaut worden. Der Begriff der Nation, infolge des Nationalsozialismus schwer angeschlagen, war von der 68er-Bewegung praktisch für nicht-existent erklärt worden, währenddessen man in der DDR versuchte, die "erste sozialistische Nation auf deutschem Boden" zu kreieren.

Dort, wo das Kollektiv staatlich verordnet und entsprechend verpönt war und der Freiraum für Gesellschaftsversuche gegen Null ging, spielten trotzdem die Netzwerke von Freunden und selbstbestimmten Gruppen eine existentielle Rolle, um Abgrenzung und Anders-Sein aufrechterhalten zu können. Wer dies nicht mehr schaffte, versuchte, das Land zu verlassen - meist mit Erfolg. Wer dablieb, ging in sich, blieb unter sich, flüchtete aufs Land oder in vage Träume von der Welt, die es doch da draußen geben mußte.

Das Entrée zeigt in einer Großprojektion Szenen der Außenwelt DDR, die den gesellschaftlichen Rahmen bildete für die versuchten Gegen-Welten, die im zweiten Raum dokumentiert sind.

siehe auch Andreas Krase in Texte zur Fotografie








Tableau Feste, Rückwand




Porträts der Freunde




für Ion, den toten Freund



Schrifttafeln | Auszüge aus Interviews 1993–95
aus dem Dokumentarfilm WIR WÄREN SO GERNE HELDEN GEWESEN

Es gibt in dieser Beziehung einfach nur Biografien. Die nebeneinander herlaufen wie streunende Hunde.

Näher kennengelernt haben wir uns, als uns von Kommilitonen angeboten wurde, uns die Haare abzuschneiden und unsere Glatzen dann mit roter Farbe einzustreichen.

Es gibt ja heute Leute, die nun schon wieder davon zehren, daß sie die großen Revolutionäre waren und das auch gehörig ausbeuten. Das ist für meine Begriffe einfach langweilig.

Die Damen, die mußten in erster Linie schön sein.

Die freie Liebe, kannst du dich noch dran erinnern? - Theoretisch oder praktisch ?

Das war immer etwas Anrüchiges - Eigentum.

Man lebte zwar in gewisser Weise sicherer, aber so, wie ein Haustier - gut gefüttert, mit dem Blick durch den Zaun.

Sicherlich spielte auch Alkohol bei uns eine große Rolle, sich im Geiste so auf die andere Seite zu bringen.

Wir haben uns ja alle eingebildet, wild und gefährlich zu leben - zumindest wild.

Es ist energetisch äußerst ungünstig, wenn man immer gegen den Strom schwimmt.

Man hatte Zeit, und Geld spielte überhaupt keine Rolle.

Wichtig war, sich über Themen zu unterhalten, die tabuisiert sind, Bücher zu lesen, die verboten sind, Musik zu hören, die nicht gesendet wird.Vor allem aber die Bücher.

Schade, daß man sich nicht mehr so Briefe schreibt wie früher.

Geld hatte keine Bedeutung, Karriere auch nicht, weil man in diesem Schuhkarton DDR war.

Es kamen immer Leute, und es wurde viel getrunken und viel Liebe gemacht. Relativ wenig gedacht, glaub ich.

Es gab so was wie ein instinktives Sich-Erkennen.

Wenn ich abends rausgestarrt habe in das Dunkel, kam es fast anfallsweise: dieses Biermann-Lied, „das kann doch nicht alles gewesen sein, da muß doch noch irgendwas kommen“.

Das war schon fast zwanghaft, immer unter ganz vielen Leuten zu sein - mehrere Male in der Woche. Ob in der Kneipe oder privat in der Wohnung.

Dieses Gefühl, am Rande oder außerhalb der Gesellschaft zu stehen, das war so das Maximum an Politisierung, das wir hatten.
Wir sind vielleicht über das normale kritische Verhältnis zu der Gesellschaft, das ganz viele hatten, nur dadurch hinausgegangen, daß wir etwas radikaler versucht haben, unsere Alternative auch zu leben.

Es gibt diese gewisse Verschlafenheit, die man natürlich im Kontrast zum Westen als ganz idyllisch empfinden kann. Aber wenn man dahinterguckt, merkt man, daß das auch ziemlich trügerisch ist.

Bei mir reichte das schon aus, daß irgendjemand zu mir sagte, du, ich hab´n Ausreiseantrag gestellt. In dem Moment war die Sache für mich eigentlich schon kaputt. Ich hab das immer so bißchen als Aufgabe angesehen, daß man da, wo man ist, was dazu tut, daß es besser wird. Und deswegen hab ich die Leute, die da weggegangen sind, immer bißchen als Verräter empfunden.

Also 89 war dann wirklich der Vereisungszustand dieser Gesellschaft erreicht. Die blieb einfach stehen, und das betraf auch uns. Also die, die noch da waren.
Was jetzt ist, das ist nun noch mal zusammengeschmolzen. Kleine Kerne. Vor der Wende waren es zwei Hände voll, jetzt ist es nur noch eine Handvoll.

Ich denke mir, Heimat produziert man selbst oder man verfängt sich in nostalgischer Sicht.
Mich interessiert überhaupt kein Gespräch mit Leuten über die Frage, was war damals auf Party X und wie war das schön, als wir dies und jenes gemacht haben. Interessant sind für mich die Leute nur, wenn sie heute, hier und jetzt, eine Spannung für mich erzeugen.

Warum in den Westen ? - Oh Gott! Ja, weil es für mich einfach klar war, daß ich unter solchen Verhältnissen nicht mein Leben verbringen will. Das ist doch klar.

Eines meiner schönsten Erlebnisse war, daß diese verdammte Gesellschaft endlich verschwunden ist, weil ich an der nicht ein einziges gutes Haar lassen würde.

Die 68er, das war ne Generation, der ich selber angehöre, in der ich mich ziemlich unwohl fühle, weil sie eben so abgegrenzt existiert.
Weil diese eingeschränkten Denkstrukturen bei den Leuten mich einfach langweilen oder inzwischen sogar in Wut bringen.

Selbst meine Freundin hat, wie sich irgendwann rausstellte, für die Stasi gearbeitet aus „Weltverbesserungsgründen“. Da kann ich mir bloß an den Kopf fassen - wie kann man so blöd sein. Sich mit solchen Ärschen einzulassen. Daß man seine Freunde bespitzelt - das war doch eigentlich klar, daß man so was nicht macht.

Solange der Käfig ganz zu war, hatten wir ja keine Alternative, als darüber nachzudenken, was man hier, in der DDR, ändern kann. Dann gab es plötzlich ein zweites Gleis - indem man dem Druck ausweicht und einfach geht.

Es ist erstaunlich, wie die Gruppen so lange zusammenhalten konnten. Einer der Gründe war sicherlich auch immer der Außendruck. Das hat eher zum Gegen-Effekt, nämlich zur Solidarisierung geführt, als zum Auseinanderfallen.

Es wäre auch sehr seltsam, das sozusagen künstlich am Leben halten zu wollen, wenn die Inhalte nicht mehr bindend sind.

Wenn es einem mal nicht gut ging, hat er sich eher zurückgezogen für ein Weilchen, und ist dann wieder dazugestoßen, weil der Rahmen für Krisenfälle persönlicher Art nicht so geeignet war. Schade, nicht ?

Viele spielten mit dem Gedanken abzuhauen, und es gab immer mehr, die es dann umsetzten. Paar haben es geschafft, und paar gingen in den Knast. Da hat man erlebt, daß die nach einem Jahr auch im Westen waren.

Im Osten haben wir ja gedacht, wir sind die Avantgarde, also wir denken schneller, wir wissen mehr, wir feiern die besseren Feste, wir haben die tolleren Frauen. Ein gewissermaßen elitäres Bewußtsein.
Dann mit dieser Kränkung fertig zu werden, nicht mehr das zu sein, was man vorher gewesen ist, ist ziemlich schwierig.

Die ersten 4 Wochen in Westberlin bin ich fast nur mit Tränen rumgelaufen.
Ich habe 8 Jahre gebraucht im Westen, um mich vom Osten abzunabeln.

Ich konnte auch nicht schmecken zu Anfang. Die ganzen neuen Sachen. Ich wollte einfach bei meinem Fleischsalat bleiben.

Ich fühl mich hier absolut zu Hause, und ich hab´s in der ersten Zeit und auch jetzt noch als Privileg empfunden, den Osten von innen zu kennen und den Westen auch, so wie er vor dem Mauerfall war.

Mir fällt auf, daß auch heute noch bei vielen ehemaligen DDR- Bürgern so ein abgeschlossenes, undurchlässiges Weltbild existiert.

Ich war wie ein Schwamm, wie ein ausgetrockneter Schwamm.

Ich glaube einfach, daß es Leute gibt, die grundsätzlich Mißtrauen haben gegen alles Neue und Andere. Und es gibt Leute, die grundsätzlich erstmal fasziniert sind von allem Neuen und Anderen.

Das Leben hat sich ja insgesamt so verändert, daß man das nicht unbedingt mit Verlust oder Gewinn verbuchen kann - es ist eben einfach anders geworden.

Wir sind jetzt 16,17 Jahre älter geworden, und da kann man nicht mehr so tun, als ob wir immer noch Ende 20 wären - als könnten wir die Welt aus den Angeln heben.

Eines Tages, weiß der Teufel, wenn ich 80, 90 sein werde, werde ich den lieben Enkelkindern oder irgendwelchen anderen Leuten erzählen können, daß ich noch eine versunkene Welt erlebt habe.




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