Frozen margaritas | Raumansicht


CUT - KIRE - SCHNITT | Schwarzes Kloster, Freiburg im Breisgau 1998

Drei Worte meinen anscheinend das Gleiche, überall auf der Welt. Indes kann dieselbe Vokabel in verschiedenen Kulturen ungeahnte Gestalten annehmen. Vertraut ist uns der englische Begriff des CUT, zumeist aus der Filmbranche. Eine Zäsur setzen, eine Szene, einen Gedanken beenden und gleichzeitig verknüpfen mit dem folgenden. Zusammenhänge schaffen.
Der Begriff KIRE bezeichnet im Japanischen das traditionelle ästhetische Prinzip. Der genuine Wunsch, in der reinen Natürlichkeit zu leben, tritt in einen paradoxen Widerstreit mit jedem Gestaltungswillen. Durch die Methode des KIRE wird die Natürlichkeit so "abgeschnitten", daß sie mit größerer Tiefe in der künstlichen Gestalt wieder auflebt. Konträr zur westlichen Polarität von Natur- und Kunstschönem durchdringen Künstlichkeit und Natürlichkeit einander, behalten aber gleichzeitig ihre Eigenständigkeit.

"FROZEN MARGARITAS" zeigt eine Folge von monitorgroßen Schwarzweiß-Fotos. Es sind Video-Stills; man sieht eine weiße Frau und einen schwarzen Mann in verschiedenen, teilweise sehr emotionalen Situationen, mehrere Schauplätze und Handlungsdetails. Gefrorene, aus der Bewegung gerissene Bilder, mit den schwarzen Rändern, die wir vom Bildschirm gewohnt sind. Der Cut, das In-Beziehung-Setzen, liegt im Imaginären. Aus bewegtem Bild wird starres Bild. Doppelte Selektion der Wirklichkeit. Ein Sekundenbruchteil steht für einen ganzen zeitlichen Ablauf. Das Vorher und Nachher, der szenische Zusammenhang innerhalb der linearen Hängung werden nicht geliefert. Die Phantasie verführt zu Mutmaßungen; die Anmutung eines Fernsehbildes und die an Hunderten von Filmen eingeübten Muster und Assoziationen tun das Ihre. Irritation oder auch Bestätigung bietet eine Soundcollage, die aus den Originaltönen (Gesprächsfetzen, Statements, Atmosphären) der Videoaufnahmen montiert ist. Zusätzliche Informationen kann man den Interview-Passagen eines viermeterlangen Schriftpaneels entnehmen. Eindeutigkeit und einfache Antworten lassen sich daraus jedoch nicht konstruieren.
"TO-KYO-TO", ein Komplex von Bildern des ersten Eindrucks, ist innerhalb einer Woche entstanden. Die Städtenamen TOKYO und KYOTO stehen dabei für das Faszinosum, das alle ausländischen Besucher sofort ergreift - die beiden Pole extreme Technisierung, Hyper-Modernismus und Allgegenwart der traditionellen Kultur und religiöser, meist shintoistischer Rituale, die einander nicht ausschließen, sondern offensichtlich durchdringen. Das Prinzip des KIRE findet sich hier wieder. Deutlich ist es abzulesen an der Gestaltung des Steingartens Ryoan-ji, an den weiß verpackten Bäumen vor einem Shinto-Schrein und einem Beispiel der Dichtkunst, einem Haiku, das im Raum hängt und vom Vergehen der Zeit, von Wandel- und Unwandelbarem spricht.
Die Bildtafeln sind zumeist aus vier Teilen zusammengesetzt, einige auch einzeln formatfüllend. Der Fond nimmt die Dominanzfarbe der Fotos auf, hebt sie so heraus aus dem normalen Kontext und stellt damit ästhetisch die Verbindung unterschiedlichster Metiers her. Die Farbe Grau/Grüngrau ist die natürliche Farbe Japans. Stein, Himmel, Luft, Holz, Pflanzen. Leuchtendrot ist, denke ich, die Wunschfarbe der Japaner. In ihrer schwarz-weißen Kleidung bewegen sie sich durch eine Kaskade roter Gestaltungsprodukte - Wände, Automaten, Halstücher, Rikschas, Säulen, Schriften. Gelb ist die Farbe, die wir Japanern fälschlich als Hautfarbe zuschreiben.Tatsächlich changiert diese von Braun bis Porzellanweiß.






TO-KYO-TO | Raumansicht
























< nach oben