KRATZEN AM BETON
68er in der DDR?


Fotografien 1970-78 | Vopelius Verlag Jena, 2008, 145 S., 24,80 €

Wir wären so gerne Helden gewesen: Es gibt Generationen, bei denen das alterstypische Lebensgefühl der gesellschaftlichen Stimmung entspricht. Bei uns war das so. Ende der 40er, Anfang der 50er in die DDR hineingeboren, erlebten wir im Aufbruchs-Elan der Jugend, wie sich in vielen Teilen der Welt Umbrüche anbahnten, Revolten aufbrachen und die Hoffnung, alte Restriktionen und Gebote hinwegzufegen. Das fand zwar, bis auf den Prager Frühling 1968, in uns unzugänglichen Ländern statt, aber der Abglanz davon wirkte nur umso stärker. Diese euphorische Zeit voller Tatendrang und Glücksmomente währte nicht lange. Die Staatsmacht tat ihr Bestes, den Unbotmäßigen die Luft abzuschnüren. Das Land verfiel in Lähmung. Die Hippie-Zeit war vorbei.
Barbara Metselaar




ALBATROS - Vom Abheben
Fotografien 1971-2010


Lukas Verlag Berlin 2010, 128 Seiten, 20 €
Texte von Inka Schube und Wolfgang Kil

Barbara Metselaar Berthold gehört zu den Absolventen der berühmten Leipziger Hochschule für Grafik und Buchkunst, allerdings noch aus jenen Jahrgängen, die dort eher solide handwerkliche Schulung als künstlerische Prägung erfahren haben. Umso mehr müssen die freien fotografischen Arbeiten beeindrucken, die nach ihrer Ankunft in (Ost-)Berlin entstanden. Sozialkritisch grundierte Straßenszenen, Porträtserien vom großen Freundeskreis, irritierende Blicke auf das legendäre »Szeneleben« vom Prenzlauer Berg, schließlich Rückzug in eine immer hermetischere Welt der erklärten Distanz: Nur wenige haben so eindringlich ihr seelisches Befinden bei der Auseinandersetzung mit dem DDR-System in Bildern ablesbar gemacht wie Barbara Metselaar Berthold, die 1984 das Land in Richtung Westen verließ. Nach einer längeren Phase der Neuorientierung entstanden auch dort wieder Bilder in der für sie typischen, lakonisch »notierenden« Art, nun allerdings oft auf weiten Reisen und natürlich in Farbe. Der in diesem Buch unternommene Versuch, Bilder aus der DDR-Zeit mit solchen aus dem späteren Leben im Westen direkt zu konfrontieren, forscht hinter den offenkundigen Brüchen nach den stillen Kontinuitäten einer so wechselhaften Biographie. Eine ungemein ernsthafte Selbstbefragung.
Wolfgang Kil